Samstag, 21. August 2010

Resümee meiner USA-Reise

Solche Momente hatten wir nahezu täglich ...
Wynne ("Miss Island") haben alles im Griff. Hintergrund: The Mackinac Bridge.
Die US-Brigg NIAGARA ist das Partnerschiff der ROALD AMUNDSEN
S/V DENNIS SULLIVAN
Boah Ey, ist das ... awesome!
Manövrieren im Hafen von Green Bay, Wisconsin
Man ahnt, aus welchem Land der Brauereigründer kommt ...
So ein Steuermann hat alles alles Griff, jedenfalls
Der Schweizer Paul grüßt den Eckernförder Michael
Schleusen in Sault Ste Marie: Wenn mich sonst keiner filmt, mach ich's eben selbst.
Enkel Colin schaltet mal ab und den mp3-Player ein.
Und baden durften wir zwischendurch auch mal
Das Gepäck auf der Hinreise wog schwer. Neben Nässeschutzkleidung, reichlich Hemden und Unterwäsche, Socken, Zahnbürste, Sonnenscutzcreme und diversen Schuhen, Ersatzteile für Emma (das ist die Maschine der Roald) und drei Büchern hatte ich noch eine ganz andere Art Gepäck dabei: Vorurteile. "Amerikaner sind dick", Amerikaner wissen nichts von der Welt", "Amerikaner verschmutzen die Umwelt", "Amerikaner sind oberflächlich" und "Amerikaner sind aggressiv und führen Kriege" sind nur einige Beispiele für solche Vorurteile, die man in Deutschland öfter als nur am Stammtisch hört. Frei nach dem Hamburger Kommunikationsprofessor Schultz von Thun (Die vier Seiten einer Nachricht) klingen diese Vorurteile in meinen Ohren ein nach "Ich lebe gesund und ernähre mich Bio", "Ich bin ein politisch bewußter Mensch und nehme Anteil am Schicksal der Welt", "Ich sortiere meinen Müll und fahre ein verbrauchsarmes Auto", "Ich pflege tiefe und ernsthafte Verbindungen zu meinen Mitmenschen" und "Ich bin gegen jede Form von Krieg und lehne alles ab, was damit zu tun hat". Und so ein ganz kleines bischen, wirklich nur an ganz ganz kleines bischen, klingt da dann auch mal der moralisch erhobene Zeigefinger durch. Also typisch deutsch, könnte man sagen.
Ich war sehr gespannt, was mich in USA erwartet. 1982 war ich für vier Wochen in Telephone, Texas, habe dort meine Scharnebecker Jugendfreundin Jessica besucht und auf der Pfirsichfarm ihrer Eltern mitgearbeitet und dann noch eine Woche mit Studenten in Denton, Texas gelebt. Ich hatte also grobe Vorstellung von dem Land. Ich erwartete, dass heute, fast neun Jahre nach "nine eleven" (Terrorangriffe am 11.09.2001) die Einreise und alle möglichen Modalitäten komplizierter sind und man als 'Fremder' auch mal kritisch beäugt wird. Und in der Tat, es hat sich einiges seit 1982 verändert.
Erstens ist der Dollarkurs heute sehr viel günstiger (damals ca. drei D-Mark für einen US-Dollar; heute bekomme ich für einen Euro ca. einen Dollar und 30 Cent / früher kostete z.B. ein TShirt 10 USD, also 30 DM, heute zahle ich dafür ungefährt sieben EURO) und die Flüge sind sehr viel preiswerter geworden (1982 Amsterdam - Dallas/Fort Worth, Texas und zurück gut 2.000,- D-Mark; 2010 Hamburg - Cleveland/Ohio und zurück ca. 950,- EURO). Berücksichtigt man die Preis- und Einkommensentwicklung, war mein USA-Aufenthalt in 2010 sehr viel günstiger als vor 28 Jahren. Zweitens brauchte ich 1982 noch ein Einreisevisum vom US-Konsulat in Hamburg. Heute fühle ich mindestens 96 Stunden vor meiner Reise im Internet das ESTA-Formular aus und fertig. Drittens brauchte ich 1982, wie auch 2010, einen Reisepass für die USA. Heute allerdings mit biometrischen Daten, was 1982 technisch garnicht möglich war. Unterm Strich war die Reise heute merklich leichter und kostengünstiger zu organiseren als damals. Übrigens hat die "Immigration" (Einwanderungsbehörde) schon damals sehr genau hingeschaut, wer Einlass begehrt und unter Umständen Leute auch wieder direkt zurück geschickt. Denn die USA sind nach wie vor ein Einwanderungsland.
Es ist nicht abzustreiten, dass in den USA tendenziell eher stark bis sehr stark übergewichtige Menschen anzutreffen sind. Allerdings sind diese im öffentlichen Bild bei weitem nicht so präsent, wie uns die letzte Statstik (67 % der Amerikaner sind übergewichtig) glauben machen will. Zurück in Deutschland fällt mir auf, dass es bei uns (in Hamburg und Eckernförde) nicht viel anders aussieht. Übergewicht scheint eher ein Wohlstandsphänomen postindustrieller Gesellschaften, denn ein Kulturmerkaml zu sein. Will sagen, so groß sind die Unterschiede nicht. Übrigens bin ich in Green Bay, Wisconsin auf einen samstäglichen Markt ("Farmers Market") mit reichlich 'organic' Angeboten gestossen. Dort haben Farmer aus dem Umland ihre Produkte angeboten. Bio ist in Deutschland sicherlich ein wichtiges Qualitätsmerkmal und eine noch wichtigere Marke. Aber nicht immer vernünftig, wenn ich zum Beispiel auf den Ganzjahresimport von chinesischen Erdebeeren via Flugzeug denke. Also auch hier: Finger wieder einfahren.
Sicherlich beschäftigen sich amerikanische Medien und auch die amerikanische Öffentlichkeit nicht so intensiv mit Nachrichten und Ereignissen aus aller Welt. Dies tun sie nur dann, wenn das Ereignis in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den USA steht. Das heißt aber nicht, dass Amerikaner 'dümmer' als Deutsche oder Europäer sind. Allein die geostrategische Lage mit nur zwei Nachbarn (Kanada und Mexiko) zwischen zwei Ozeanen (Atlantik und Pazifik) ist völlig anders als z.B. in Europa. Die USA haben auch keine Kolonien unterhalten und damit für besondere Verwurzelung in Afrika, Süd-Amerika und Asien gesorgt. Es liegt also offenkundig auf der Hand, dass das eurozentristische Weltbild völlig anders ist, als der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich habe die Amerikaner in vielen Gesprächen als sehr weltoffen und interessiert erlebt. So haben u.a. zahlreiche Menschen in der Great-Lakes-Region deutsche Urahnen oder die Männer haben als Soldat in Deutschland gedient. Die Einstellung mir als Deutschem gegenüber war immer positiv, respektvoll und anerkennend. Oder, anders ausgedrückt, die Amis mögen uns und lieben Produkte aus Germany. Nicht ein einziges Mal wurde ich z.B. auf die deutsche Geschichte (Nazis, WK II, KZ etc.) angesprochen, wohl aber gefragt, wie ich denn Kanzlerin Merkel finde und was ich von Präsident Obama halte. Also geschichtstriefende, deutsche Schwermut gepaart Globalschuld sind nicht gefragt. Ich habe mich bei zwei Gesprächen dafür bedankt, dass 1989 und 1990 das amerikanische Volk mit Präsident Bush an der Spitze entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der deutschen und auch der europäischen Einheit genommen hat. Kein Pathos, einfach mal "Danke!" sagen.
Alles in Amerika ist irgendwie größer, voluminöser; gigantisch eben. So auch die Autos. An jeder Ecke typisch amerikanische Fahrzeuge. Dicke, sechs- bis achtzylindrige, bullige Allrad-Pickups, ebenso motorisierte Familien-Vans, Straßenkreuzer vom Typ Lincoln Towncar, rassige Sportcoupes mit 6,1-Liter-Achtzylinder unter dem knackig geformten Blech (z.B. Ford Mustang oder Dodge Challenger). Es sind aber auch genauso viele asiatische Kleinwagen und reichlich deutsche Fabrikate von VW über Audi und Porsche bis zu BMW und Mercedes unterwegs. Der Verkehr läuft generell sehr ruhig und geduldig. Ich habe nicht ein (!!) Hupkonzert gehört. Es wird nicht gerast sondern mit maximal 55 Meilen/Stunde (knapp 100 km/h) eher entspannt 'gecruist'. Ich habe keine auf aggressives Überholprestige getrimmte Frontleuchten gesehen. Sicherlich sind in den USA  noch reichlich Spritfresser unterwegs. Aber ist es bei uns anders? Die Angabe der Drittel-Mix-Verbräuche in Deutschland ist, wie jeder weiß, eher eine pfiffige Marketingsstrategie, die unser Gewissen beruhigen soll, als eine echte Verbrauchsangabe. Und ob ein mit 180 bis 250 über die Autobahn getretener BMW (oder was auch immer) tatsächlich soviel umweltfreundlicher ist, als ein mit Tempo 100 fahrender Cadillac lasse ich mal dahingestellt. Auf meiner Busreise von Green Bay nach Chicago habe ich übrigens hunderte Windräder zur Stromerzeugung gesehen. Und die diesjährige "Great-Lakes-United-Tall-Ship-Cahllenge" stand unter dem Pro-Umwelt-Motto "The race to save the Lakes". Oder eine andere Frage: Verursachen amerikanische Fastfood-Restaurants wie MacDonald's mehr Müll als die deutsche Imbisskette gleichen Namens? Nö, eigentlich nicht. Die USA haben sicherlich noch reichlich Handlungsbedarf in Umweltdingen (Glück für uns, denn unser Mittelstand verdient gut daran), aber auch hier besteht kein Grund für den erhobenen Zeigefinger, denn gehen nicht auch wir (du und ich) täglich verschwenderisch mit unseren begrenzten Ressourcen um? In den USA wird z.B. für nahezu jeden Weg das Auto genommen. Kenne ich auch ...
Wenn ich von der typisch amerikanischen Freundlichkeit und Höflichkeit erzähle, höre ich oft das Argument "Aber die sind so schrecklich oberflächlich". Ich finde diese Antwort hochmütig und dumm. Amerikaner haben grundsätzlich ein deutlich positivere und optimistischere Einstellung gegenüber ihrem Mitmenschen, als ich es tagtäglich bei uns in Deutschland erlebe. Es ist sehr leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch mit völlig fremden Menschen z.B. im Bus, in der Stadt, an der Kasse, im Cafe und, und, und ... Ein fragender Blick in aller Öffentlichkeit führt schon dazu, dass ich unmittelbar angesprochen wurde und man mich fragte "Can I help you?". Standard-Höflichkeitsformulierungen wie "You're welcome" kann ich zwar wörtlich übersetzen, finde aber in unserer Sprache kein inhaltliches Pendant. Auch die Begrüßung ("How are you doing?") verläuft häufig mit einer persönlichen Ansprache und fordert zu einer Antwort heraus (vielleicht "Fine and how are you?"). Beides mit einem Lächeln verbunden sorgt grundsätzlich schon mal für eine angenehme Atmosphäre. Will sagen, ich empfinde die zwischenmenschlichen Kontakte als persönlicher und verbindlicher, als deutlich höflicher und positiver, als ich es aus meinem Alltag außerhalb der Kaserne mit fremden Menschen gewohnt bin. Schlechtlaunige Muffelköpfe habe ich dort nicht erlebt. Besonders hat mir die Leichtigkeit im Umgang, die Lockerheit gefallen. Sehr angenehm; davon möchte ich am liebsten was mit in mein Repertoire übernehmen, wenn's denn so einfach wäre. Die Atmosphäre im Umgang miteinander hat mich während der vergangenen fünfeinhalb Wochen am meisten beeindruckt.
Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, die  mir sagten, dass sie mit der Politik von George W. Bush und seinen Kriegen nicht einverstanden waren und sind. Auf dem Rückflug habe ich mir den Hollywood-Film "Green Zone" mit Matt Damon angesehen. Der Film thematisiert sehr eindrücklich die Irak-Lügen der US-Regierung. Also auch hier ein eher differenziertes Bild. Wie wär's denn in Deutschland mit einem starbesetztem Fim "Dead Zone" über das Bundeswehr-Feldlager in Kundus und die Jung-Lüge "Das ist kein Krieg"? Auch hilft der moralische Zeigefinger und die moralische Entrüstung nicht weiter und klingt in meinen Ohren manchmal eher nach Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit.
Summenstrich: Ich habe mich in den USA sehr wohl und, in Englisch "familiar", vertraut gefühlt. Meine Vorurteile sind überwiegend zerbröselt und ich dachte oft, ich schaue in einen Spiegel. Und ich habe mal wieder begriffen, in was für einem tollen Land ich lebe. Meine deutsche Heimat ist wunderbar, ich mag mein wohl organisiertes, sicheres Leben, ich mag unsere hervorragende medizinische Versorgung, das saubere Wasser, die lebensfrohen, mit alten Häusern geschmückten Innenstädte meiner beiden Heimatstädte Lüneburg und Eckernförde. Es hat viele Vorteile, in Deutschland zu leben. Uns geht es insgesamt sehr gut, wir leben in Sicherheit, Freiheit und Frieden und unsere Wirtschaft kommt mit mächtig Fahrt aus der Krise. Was ich nicht mag, ist unsere Gründlichkeit, wenn sie verbissen ist, unsere Ordnungsliebe, wenn sie unflexibel ist, unsere Ernsthaftigkeit, wenn sie schwermütig als Zukunftsangst daher kommt. Ich mag die Vitalität der USA, die vielen jungen Familien mit ihren zahlreichen Kindern. Ein ganz anderes Bild dagegen in Deutschland. Wir vergreisen, haben Angst um unsere Rente, schätzen die allgemeine Lage als eher schlecht und negativ ein. Also Leute, fahrt in die USA und laßt euch anstecken, inspieren und motivieren, sich weniger um den nächsten Tag zu sorgen und mehr das Hier und Jetzt zu genießen. Ich fahre auf jeden Fall wieder hin. Am liebsten mit der ROALD AMUNDSEN ohne Jetlag ganz entspannt in vier Wochen über den großen Teich. Aber jetzt und heute genieße ich erstmal die Nachklänge einer unbeschreiblichen Reise, meine Familie, meine Freunde und meine Kollegen.
Damit beende ich nun die Posts zu dieser Reise in meinem Blog. Bis zur nächsten Reise. Ich hab da schon eine Idee ...

Montag, 16. August 2010

Rückreise

Ansteuerung von Green Bay. Ich werfe einen letzten Blick auf den Lake Michigan.
Selbstbild in der Greyhoundstation in Green Bay, Wisconsin.
Die Greyhoundstation in Cleveland sieht tatsächlich so aus, wie ich sie mir schon im Internet angesehen habe.

Morgenstimmung über der Nordsee.
Im Tiefgeschoss des Tower City Center befindet sich die zentrale SBahnstation.
Mein Early-Bird-Breakfast-Frühstückslokal in Cleveland. Sonntags ab acht geöffnet. Und weil man hier immer freundlich und höflich ist, werde ich schon 40 Minuten eingelassen und mit frischem Kaffee versorgt.
Doofe Reihenfolge: Michi heute in Eckernförde.
Um 16 Uhr Samstag sitze ich erstmals in einem Greyhound Bus. Passagier 31. Es nur wenige Mitreisende, so dass wir reichlich Platz haben. So kann es bleiben. Ich bin ein wenig aufgeregt, denn ab jetzt bin ich auf mich allein angewiesen und muss für mindestens 24 Stunden auf meine Mutterspracher verzichten. Nun denn. Der schwarze Fahrer spricht eine mir unverständlichen Slang. Von seiner ersten Durchsage kapiere ich garnichts. Auch andere Passagier schauen verdutzt und wir fragen uns, ob dieser Bus tatsächlich nach Chicago fährt. Motor und Klimaanlage klingen wie ein Düsentriebwerk. "Let your motor run ... running down the highway ...".
Erster Halt ist Appleton, dann Oshkosh, Fond du Lac und Milwaukee. Dave, einer der Liasion-Officers bringt mich zur Busstation. Ich erzähle ihm, dass mir zu Amerika ersteinmal MacDonald's einfällt und ich bisher nicht ein Restaurant (!!) der Fastfood-Kette gesehen habe. Zwei Minuten später fahren wir an einem vorbei.
Der Bus dröhnt, brummt und quietscht (der Sitz) über den Highway bzw die Interstate. Der Verkehr läuft ruhig, überholfrei mit 55 Meilen pro Stunden entspannt mehrspurig auf einem Betonstreifen durch das Land. Um die Städte herum mziehen links und rechts Shopping-Zentren und riesige Gewerbegebiete vorbei. Auf dem Lande wechseln sich saftige Weiden, Brachen und Maisfelder ab. Ranches und Framen wechseln sich ab. Einmal sehe ich sogar ca. 25 Schwarzbunte.
Ich bekomme Hunger und denke eher scherzhaft, vielleicht könnte man den Fahrer zu einem Halt bei der Burgerkette mit dem großem M bewegen. 10 Minuten später biegt er vom Highway Richtung Fond du Lac ab und hält bei MacDonalds. Öh, der mann kann Gedanken lesen. Der BigMac sowie die Pommes, die ich mir hole, schmecken übrigens exakt wie in Deutschland.
Wenig später brausen wir wieder durch eine sanfte Hügellandschaft. rechts stehen hunderte Windräder. Links lese ich auf dreien den namen VESTAS. Die werden doch in Deutschland gebaut, oder? Dann ein Hinweisschild MILWAULKEE 47 Miles. Da war sie wieder, meine 47. Die Sonne senkt sich langsam zum Horizont und färbt den Himmel orangerot. Dann sehe ich gut ein Dutzend bunte Heißluftballons. Unter mir poltern Reifen und Fahrwerk über eine holprigen Betonpiste. Keine Leitplanken und ein breiter, grüner Mittelstreifen sind typisch. Dann erscheint rechts eine Fabrik auf der "Harley Davidson" steht. Mir hängt die Zunge raus. So'ne Harley ist immer noch ein Traum für mich. Vielleicht könnte ich mir eine in Milwaukee abholen, dann vier bis sechs an den Großen Seen und der Ostküste rumdüsen und die Kiste dann nach deutschland per Container verschiffen. Na, man wird ja nochmal träumen dürfen ...
In Milwaukee füllt sich der Bus bis auf den letzten Platz. Neben mir nimmt eine magere junge Frau Platz und bittet mit meinem Handy telefonieren zu dürfen, da sie keins hat. Kein Problem. Ihre Sprache klingt irgendwie nach Osteuropa und ich frage sie woher sie kommt. Aus Rußland. Sie nimmt an einem Studentenaustausch teil, erzählt sie mir, hat bis heute in Milwaukee mit ihrem Freund gearbeitet, aber kein Geld bekommen und ist gefeuert worden. Nun reist sie mit dem letzten Dollar in der Tasche weiter nach Baltimore und dann nach Virginia, weil sie Arbeit bekommen soll. Ihr Freund bleibt in Milwaukee. Mmmmh, klingt nicht gut. Außerdem fühlt sie sich in den USA nicht wohl, denn die Menschen scheinen Russen nicht sehr zu schätzen und wissen garnichts über ihre Heimat. Julie heißt sie. Eine heilsame Begegnung, macht mir doch mal wieder deutlich, wie komfortabel unser und mein Leben in 'good old Germany' ist. Und wie schön es ist, in einem Land zu reisen, wo einem die Leute wohlgesonnen sind. Was ein Glück, schon immer im freien Teil der Welt zu leben.
In Chicago steige ich um. Wir hängen zeitlich ein wenig, so dass ich als einer der letzten Passagiere in den nächsten, ebenfalls sehr vollen Bus einsteige. ich bekomme einen schlechten Platz ab und frage mich, wie die Nacht wohl überstehen werde. Und ... schwups ... greift mein Schutzengel. An der ersten Ampel direkt an der Greyhoundstation geht der Bus aus und läuft anschließend nur noch 'unrund'. Wir drehen um, warten, das Gepäck wird umgeladen und wir steigen in einen Ersatzbus um. Jetzt habe ich einen guten Platz. der Bus ist alt, super laut und klapprig und megadreckig. Naja, ist dann so. ich schlafe ein wenig und vertrete mir gegen 01 Uhr nachts auf einer Raststelle ein wenig die Beine. Danacvh fahren wir durch bis Cleveland. Ich kann die ganze Zeit schlafen und werde von der Durchsage geweckt, das wir in Cleveland angekommen sind. Ich bleibe noch fast zwei Stunden in der großen Greyhound Station, trinke einen Kaffee und warte, bis es hell wird. Das ich nun in einer anderen Zeitzone bin, darf ich die Uhr eine Stunde vorstellen. Es ist 06:10 Uhr.
Dann mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt zur zentralen SBahnstation. Vor der Station fragt mich ob meines suchenden Blicks ein Frau, ob sie mir helfen könnte. Klar, warum nicht. Sie bringt mich zur EUCLID, einer Hauptstraße, auf der ich in 15 Minuten zu Fuß zur zentralen SBahnstation Clevelands gelange. Sie heißt Rita, hat heute Geburtstag und, ihr Haus ist abgebrannt, zur Zeit eine Pechsträhne. Sie zeigt mir ein Restaurant, wo ich ein "Early-Bird-Breakfast" bekomme. Nach wenigen Minuten erreichen wir ein entsprechendes Lokal, dass sonntags allerdings erst um acht öffnet. Zum Abschied gebe ich ihr fünf Dollar als Dankeschön.
Im Restaurant bereitet ein Mitarbeiter Speisen vor, sieht mich ratlos mit meinem Gepäck vor der Tür stehen und läßt mich ein. Er kocht Kaffee und gibt mir einen großen Becher voll mit der heißen Flüssigkeit. Ich starte mein Netbook, finde tatsächlich ein freies WiFi und lese meine Mails. Später bestelle ich mir ein Breakfast Sandwich mit Ei, Truthahn und Tomate. Nix Nutella oder so, "American Breakfast" eben. Ich erhalte ein zum Wrap gewickeltes Omelett. es schmeckt köstlich, liegt mir aber anfänglich etwas im Magen. Ich trinke noch zwei Becher Kaffee und zahle für alles zusammen nur sieben Dollar (inkl. zwei Dollar Trinkgeld). Kaffee wird hier übrigens kostenlos nachgefüllt. Also ein "Refill" ist in der Regel im Preis enthalten.
Bevor ich gehe, frage ich nach einem "Restroom", da mich ein Bedürfnis quält (Stichwort: 3 Becher Kaffee). Gibt's nicht. Okay, dann aber dalli zur SBahn. Die "Public Restrooms" öffnen dort erst um 10 Uhr, also in gut 40 Minuten. Ächz. Also kaufe ich mir ein Ticket und düse mit der Redline zum Flughafen. Die Fahrt mit der wackelnden und rumpelnden Bahn war unter den gegebenen Umständen kein Vergnügen. Neue Erfahrung: Nicht jedes Lokal hat auch "Restrooms".
Am Flughafen checke ich gleich mein Gepäck ein. Zwei kilo zuviel. 50 Dollar abdrücken oder etwas mit ins Handgepäck nehmen. Ich nehme zwei Bücher aus dem Koffer und noch drei Infohefte und schon stimmt das Gewicht. Allerdings ist meine Umhängetasche jetzt umso schwerer und unhandlicher. Eigentlich wollte ich die noch gut viereinhalb Stunden bis zum Abflug für einen Aufenthalt in einer Shopping Mall nutzen, verzichte aber wegen des Gepäcks darauf. Also ab durch die Sicherheitskontrolle und dann ein ruhiges Plätzchen gesucht. Auch hier gibt's überall kostenloses WLAN, so dass ich nochmal ausgiebig mit meiner Liebsten skype.
Die Flüge verlaufen unkompliziert. Offensichtlich gab's kräftig Rückenwind, denn von Cleveland nach New York / Newark ist der Flug kürzer als geplant. Und von new York nach Hamburg sparen wir ebenfalls eine halbe Stunde ein. Gepäck abgeholt, Passkontrolle; SBahn, Auto aus der Kaserne geholt (springt sofort an!), noch schnell zwei Brötchen und reichlich heißen Kaffee besorgt und dann brause ich nach Eckernförde.
Andrea und Madita stehen mit Mila an der Haustür und begrüßen mich. Endlich wieder zu Hause! Später bringe ich noch Buchungsunterlagen zum Schiffsbüro der Roald und schnacke ausführlich mit Anke. Und dann mache ich mich an's auspacken und sortieren. Was für eine Reise und was für ein Abenteuer!
So sieht also ein Greyhound Bus aus. Wer auch mal damit in den USA touren will, sollte sich auch nach alternativen Anbietern wie zum Beispiel Jefferson erkundigen. Die Konkurrenz soll sauberer und komfortabler sein.
Unterwegs treffen wir zwischen Appleton und Fond du Lac auf einen Pulk von Ballons.

Sonntag, 15. August 2010

Nine Eleven (11. September 2001)

Ohne Worte.
Beim ersten Vorbeigehen habe ich garnicht realisiert, was hier am Ufer des Fox River steht und ich bin sicher, dass dieses Memorial wohl sonst niemandem von der Roald auffällt. Ich habe es erst für ein Kunstwerk gehalten, bis ich dann die beiden 'Statuen' als die Twin-Tower des ehmaligen World Trade Centers erkannt habe.
Typisch deutsch an dieser Stelle wäre, zu bemängeln, dass jeglicher Hinweis auf die zahlreichen unschuldigen Opfer des Kriegs gegen den Terror ("War on Terror") weltweit, so zum Beispiel in Afghanistan und im Irak, fehlt. Aber Hinweise oder Belehrung, wie man "richtig" mit dem Gedenken an Tod durch Gewalt umgeht, sind hier fehl am Platze.
Ich weiß noch genau, was ich am 11.09.01 gemacht habe, als die Nachricht vom Angriff auf die USA über die Bildschirme flimmerte. Ich erinnere mich noch gut, wie sehr mich die Bilder aus New York und Washington verunsichert und verstört haben. Ich hatte damals etwas Angst, dass die USA sehr schnell und furchtbar zurückschlagen werden und war dann über die Operation gegen den Terrorismus in Afghanistan sogar etwas erleichtert, da ich mit Schlimmerem gerechnet hatte. Noch am gleichen Tag bat der Kommandant eines in einem NATO-Verband fahrenden deutschen Zerstörers, ob er das Flaggschiff der US Navy passieren dürfen. Das Bild ging um die Welt. Die deutschen Matrosen hatten "We stand by you" auf ein großes weißes Tuch geschrieben und unseren Freunden damit zunächst einmal moralisch beigeständen. Ich dachte, als ich von der Geschichte hörte, dass es an der Zeit ist, unseren Freunden in den USA für deren Hilfe nach dem WK II und bei der Wiedervereinigung zu danken.KIanzler Schröder rief dann auch im Bundestag die "uneingeschränkte Solidarität" Deutschlands aus. Das traf damals einen Nerv bei mir.
Der 11. September begegnet mir in den USA nicht nur in Green Bay, sondern nahezu an jedem Ort, an dem ich war. Hin und wieder bin ich auf das Thema auch von unseren Besuchern angesprochen worden. In Green Bay steht unmittelbar am Hafen ein Nine Eleven Memorial (Fotos siehe unten). Dieses und die Beschriftung der Liberty Bell machen mir deutlich, wie sehr sich der Terrorangriff auf die USA in die Seelen der Menschen gefressen haben muss. Und das sich die USA immer noch im Krieg gegen den Terror wähnen, wird mir aus hiesiger Sicht verständlicher. Aber: Deswegen diverse kriege vom Zaun zu brechen, geht dann doch ein bisschen weit. Aus zahlreichen Gesprächen weiß ich aber auch, das viele Menschen mit der Bush-Politik und dem Irakkrieg nicht einverstanden waren. Also bleibt ein ambivalenter Eindruck, wie solltes es auch anders sein? Eins kann ich jedoch überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Mein Eindruck, dass in den letzten Jahren in Deutschland ein eher amerikafeindliches Bild verherrschte. Das, finde ich, geht mir viel zu weit. Erstmal den moralischen Zeigefinger wieder einfahren. Besser wissen ist ja immer leichter, als besser machen. Und unsere Geschichte ist ja nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für Friedensliebe. Was bleibt unterm Strich? Leute, fahrt nach Amerika und macht euch selbst ein Bild von diesem Land und seinen Menschen. Ich habe nun ein wenig die Great Lakes Region kennen lernen dürfen und bin hier auf sehr offene Menschen gestoßen, die ein weit diefferenziertes Amerikabild verdienen, als wir und unsere Medien propagieren. Gerade wir Deutsche können uns nicht beklagen, denn wir genießen hier einen ausgezeichneten Ruf. Sehr viele Menschen in dieser Gegend haben deutsche Vorfahren und sind uns höchst wohlgesonnen. Vielleicht ist das ja ein Grund mit dafür gewesen, dass uns die USA nach dem WK II sehr unterstützt und geholfen haben und ohne das positive Votum von Präsident Bush senior die Dt Einheit wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Dafür darf man schon mal dankbar sein, Respekt zeigen und den Freunden jenseits des Atlantiks auch mehr Vertrauen entgegen bringen.

Resümee: Reisen bildet und hilft, die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Abschied von Green Bay, Wisconsin (Wisconsin klingt cool)

Jede Reise hat mal ein Ende. So steige ich in Green Bay aus und starte das Abenteuer Rückreise. Dazu später mehr. Hier noch einige Bilder aus Green Bay:

Manchmal denke ich, ich bin hier in einen Film geraten. Gemäß ihrem New Yorker Vorbild fahren auch in Green Bay Taxis traditionell als "Yellow Cab".
Tall Ship Festival in Green Bay. Da liegen sie, Stolz der Meere. Der Abschied von der ROALD AMUNDSEN fällt mir heute leicht, denn ich habe erstens eine abenteuerliche Rückreise vor mir und zweitens freue ich mich riesig auf meine Familie.
So kann man einen Fahrradständer auch verkaufen: Green Bike Parking. Verständlich, fährt man hier doch sonst gern jeden Meter mit dem Auto.
Ein Schuhgeschäft mitten in Green Bay ...
... und zentral in der Auslage Schuhe von Birkenstock aus Deutschland. Made in Germany genießt in USA einen hervorragenden Ruf. Da dürfen wir 'Germanen' ruhig mal ein bisschen stolz und selbstbewußt sein.
In dieser 'Sardinenbüchse' habe ich mit Steuermann Colin meinen letzten Abend in Green Bay verbracht. Zutritt erst ab 21 Jahren, da hier Alkohol ausgeschenkt wird. Colin ist 19. Der Türsteher bittet um seine "ID-Card". Ich antworte, dass wir von den Tall Ships sind, unsere Ausweise dort abgegeben haben, Colin 22 Jahre alt und der 3. Steuermann der ROALD AMUNDSEN ist und wir meinen letzten Abend gemeinsam feiern wollen. Antwort: Ein Lächeln und drin sind wir. Bier gibt's hier nur in Dosen. Wir bekommen einen Dollar Rabatt; ich zahle für zwei Budweiser vier Dollar plus einen Dollar Trinkgeld ("Tip"). Die Bar ist urgemütlich. Wenn möglich, reiche ich an dieser Stelle einen kleinen Film dazu nach. Klasse Musik, witzige Leute, gute Stimmung und ... wir sind die einzigen von den Tall Ships, ein echter Vorteil.

Und hier ein Eindruck 'inside':

Samstag Vormittag in Green Bay: Marktzeit! Unweigerlich fühle ich mich an den Wochenmarkt in Eckernförde erinnert. Merkwürdigerweise geht mir durch den Kopf, dass ich einen solchen Markt hier nicht erwartet habe. So ist das mit Vorurteilen ("Amerikaner kaufen nur in riesigen Shopping Malls und Supermärkten ein"); selten halten sie der Realität stand.
Dann sitzen wir noch im "The Attic - Coffee and Books" und klönen. Ein supergeiles und urgemütliches Literaturkaffee, in dem ich tags zuvor schon vier Stunden gesessen und reichlich den freien Internetzugang genutzt habe. Witzig fand ich, dass im "Restroom" eine bildliche Bedienungsanleitung für's Händewaschen hing. Eine schöne Selbstironie, oder?
Living in America; without words.
Vier scharfe Typen, die in irgendeiner Weise mit dem Geist des Nordwestens zu tun haben.
Direkt neben dem Denkmal (Bild 10) die "Liberty Bell". Ich empfehle, mal bei Wikipedia nachzulesen, was es mit dieser speziellen Glocke auf sich hat. Meines Wissens befindet sich die ursprüngliche Liberty Bell in Boston. Hier folgen nun die Beschriftungen und Hinweise, was man in Green Bay mit dieser Liberty Bell verbindet.
Zu diesem Thema mehr in einem der folgenden Posts.
Ohne Worte.
Steuermann Colin mit Liberty Bell.
Das T-Modell von Ford. Fährt hier mal eben so rum.
 
Und zum Schluss noch ein schönes Eisenbahnvideo mit Colin:
 
 

Freitag, 13. August 2010

Erste Eindrücke von Green Bay, Wisconsin

Sieht harmlos aus, ist aber sch...e schwierig. Reichlich Strom von rechts. Vor dem Anlegen mußten wir im Hafenbecken drehen und dann ziemlich stumpf anlaufen. Beim Andrehen hat der Strom dann wieder fortgerissen und fast auf die gegenüber liegenden Sportboote gedrückt.
Es stürmt und regnet leicht. Trotzdem stehen die zahlenden Besucher des Tall Ship Festivals Schlange vor unserem Schiff. "German ship with a norwegian name." Da ich noch reichlich angeschlagen von der Nacht, kommen meine Erklärungen an deck noch recht holprig. Leichte Probleme mit "translation program".
Unsere Gäste können kaum glauben, dass das Schiff tatsächlich über den Atlantik bis nach Green Bay gefahren ist. Ebenso unglaublich wir zur Kenntnis genommen, das wir alle Freiwillige sind und kein Geld für unsere Arbeit an Bord bekommen. "From Germany?" ist eine häufig gestellte Frage. Dann ein Lächeln und meist der Hinweis, das die eigene Familie ihre Wurzeln in Deutschland hat. Rund 50 Prozent der Einwohner Wisconsins blickt stolz auf deutsche Vorväter zurück.
Nachdem "Sturgeon Bay & Lake Michigan Ship Canal" laufen wir in südwestlicher Richtung nach Green Bay. Gegen 11 Uhr vertreibt die aufsteigende Sonne die letzten Nebelschwader. Leider. Wir laufen unter Maschine und irgendwie gleicht der Fahrtwind den tatsächlichen Wind ("wahrer Wind" sagt der Seemann dazu) aus und an Oberdeck ist es vollkommen Windstill und mörderisch heiß. Die ganze Crew stöhnt unter der Hitze und schwitzt und schwitzt und schwitzt ..., auch ohne jede Bewegung. Nebeneffekt ist, dass sich das Oberdeck mächtig aufheizt und die Kammern darunter langsam aber sicher Saunatemperaturen erreichen. Ich übernehme um 12 Uhr von Colin die Wache. Zum Mittagessen werden Tische und Bänke an Deck gestellt. Es gibt Salat und Pasta.
Wir fahren hinter der EUROPA her in die Ansteuerung von Green Bay. Leider haben wir hiervon keine Seekarte an Bord, es geht aber auch. Freundlicherweise ist der Weg schön mit roten (hier: an Steuerbord) und grünen (hier: an Backbord) Tonnen bezeichnet, so dass wir keine Gelegenheit haben, uns zu verfahren. Am vor Hitze flirrenden Horizont erscheint die Silhouette von Green Bay. Noch zweimal abbiegen und fahren unter einer Brücke hindurch in den Fox River ein. Dann ein zweite Brücke mit schmaler Durchfahrt. Plötzlich bricht die Roald aus und gerät ins Schlingern. Mit schnellen und entschlossenen Ruderkommandos wirke ich entgegen und wir kommen heil durch. Was ist passiert? Starke Regenfälle im Hinterland lassen den Fluß anschwellen und dabei nimmt denn auch die Strömung zu. Und mit dieser haben wir ab jetzt unsere liebe Not.
Das Anlegemanöver gerät zu einem Ritt auf einem Vulkan. Wir laufen zwar ideal an, werden aber sofort von der Strömung vom Liegeplatz weggedrückt. Mit kräftigen Ruder- und Maschinenkommandos gebe ich alles. Leider ohne Erfolg. dann unterstützen uns zwei Sheriff-Boote mit ihren kräftigen Außenbordern. Sie drücken uns zum Liegenplatz. Das notwendigen vor und zurück mache ich mit unserer Maschine. Dann, nach sehr langen 50 Minuten ist es geschaftt und wir liegen fest vertäut am "Leicht Memorial Park" in der Strömung. Ich bin völlig fertig und erhole mich erst deutlich später wieder. Das war das härteste Manöver meiner gesamten Fahrenszeit. Mit einem 16.000 PS-vier Wellen-Schnellboot hätte ich es vielleicht ohne fremde Hilfe geschafft, aber die Roald ist für solche Manöver schlichtweg nicht ausgerüstet. Selbst die EUROPA kämpft lange, bis sie angelegt hat. Und die haben neben einem Bugstrahlruder zwei kräftige Antriebsmotoren auf zwei Wellen ...
Die Hitze unter Deck ist inzwischen unerträglich geworden. Sonneneinstrahlung, Abwärme von der Maschine sowie von der Waschmaschine und dem Trockner heizen uns kräftig ein. Bald startet die Crewparty an Land und jede und jeder von duscht nochmal vorher und damit verteilt sich dann auch der heiße Wasserdampf im Schiff.
Auf der Crewparty kompensiere ich meinen Flüssigkeitsbedarf mit reichlich Bier und geniesse Burger und einen reichlichen Fruchtcocktail als Nachtisch. Poppige Musik verleiht der Stimmung Schwung und die Crews der Tall Ships feiern ausgelassen, was es zu feiern gibt, im Zweifelsfalle sich selbst. Die ASTA gibt die Regattagewinner bekannt. In unserer Klasse gewinnt die EUROPA erwartungsgemäß den ersten Platz. Dritte wird die us-amerikanische Brigg NIGARA und auf dem zweiten Platz landet die deutsche Brigg ROALD AMUNDSEN. Wir rocken das Zelt. Entgegen der üblichen Etikette nimmt die erste Steuerfrau vor dem hinter ihr stehenden Kapitän das Wappen entgegen und reckt es in die Höhe. In Bay City sind wir noch alle nach vorn gegangen ... Colin und ich gratulieren anschließend der EUROPA-Crew zum Sieg und stoßen mit einem Bier an.
Nach der Feier gehe ich an Bord, dusche kalt und falle totmüde in die Koje. Gegen vier Uhr Wache ich mit dröhnendem Schädel schweißgebadet auf. Boaaah ey, ist das heiß im Deck! Ich schaue noch eine Folge Scrubs und stöpsel mir dann ein eher langweiliges Hörbuch ins Ohr und schlafe bis zum Wecken wieder ein. Um sieben Uhr stehe ich dann wie gerädert auf und starte leicht fertig in meinen letzten Tag auf der Roald auf den Great Lakes.

Letzte Nacht auf See und Sturgeon Bay

HMS BOUNTY. Wer denkt jetzt nicht an den Film "Master and Commander". Mir geht die irgendetwas zwischen "Rohr eins bis vier bewässern" (Das Boot) und "Mr. Bush, veranlassen Sie das Notwendige" (Hornblower) durch den Kopf. Tolles Schiff, aber mit wenig Komfort ausgestattet.
Wir passieren die Ansteuerung und laufen in den "Sturgeon Bay & Lake Michigan Ship Canal" ein.
Blick in den Kanal vor uns. Das weiße Haus gehört zur "US Coast Guard". Über unsere Erfahrungen mit dieser Organisation könnte ich einen eigenen Post verfassen, möchte mir aber meine Ausreise nicht verbauen ...
HMS BOUNTY vor uns im Kanal. Die Segel sind nur der guten Show wegen gesetzt. Wir haben keine Segel gesetzt, denn Hollywood ist kein Vorort von München (?).
Am Ufer stehen die armseligen Behausungen schwarzer Wanderarbeiter. Ist schon echt übel, was den Menschen hier so zugemutet wird ...
So sieht also eine Brücke in den USA aus. War mir wichtig, dies an dieser Stelle nochmal zu dokumentieren.
Das vor uns fahrende Segelschiff nutzt die Brückenpassage, um das Publikum mit einem knackigen Salutschuss zu erfreuen. Wir deutsche Ohren etwas 'strange', kommt das Rumgeballer hier bei den Leuten super an. Tssss, diese Amis ... echt sympathisch unverkrampft.
"Laker" in Großaufnahme. Diese Schiffsform findet sich nur auf den Großen Seen.
Hinter uns die niederländische EUROPA. Ein Bild mit Seltenheitswert, denn bei den Races hat uns die EUROPA regelmäßig abgehängt und den ersten Platz gemacht. Kein Problem, wie gesagt, solange die Holländer nicht Weltmeister werden, ist mir das egal ...
Auch ein schönes und stolzes Schiff, die DENNIS SULLIVAN.
Seit gestern um 17 Uhr sind wir in Green Bay, Wisconsin, der letzten Sattion meiner Reise mit der ROALD AMUNDSEN auf den Great Lakes. Doch bevor ich zu Green Bay komme, reiche ich noch meine letzte Ankerwache in der Sturgeon Bay nach:
Es gibt nicht viele Gelegenheit, sich auf einem Segelschiff zurückzuziehen. Nachts vor Anker Wache zu gehen ist so eine. ich hab mir nochmal die 0 bis 2 Uhr Schicht geschnappt und den Sternenhimmel und die Stille genossen. Wir lagen ruhig vor dem "Sturgeon Bay & Lake Michigan Ship Canal". Die Ankerlichter von HMS BOUNTY leuchten zu uns herüber. Von der Kanaleinfahrt schallt regelmäßig ein Hornsignal über das Wasser. An Land blinken rote Lichter an hohen Masten und Windkraftanlagen. Vor der Hafeneinfahrt weisen rot und grün blinkende Tonnen Nachtfahrern den Weg. Das Wasser ist still, kein Lüftchen weht, keine Welle kräuselt das Wasser. Nachtstimmung auf dem Lake Michigan. In der Navigation surren dutzende Mücken um das einzige helle Licht an Bord. Die Luft ist warm. Ich sitze auf der Brücke und passe auf, das uns niemand den Anker klaut. Und was mache ich, der ganzen Romantik zum trotz? Ich schaue mir zwei Folgen 'Dexter' (3. Staffel) plus die Schlussfolge der ersten Staffel von "How I met your mother" an. Hannes aus Eckernförde hat mich mit reichlich Fernsehserien versorgt. Und diese beiden sowie "Scrubs" sind momentan meine Favoriten.
Die Sturgeon Bay ist der Sammelpunkt für die nach Green Bay laufenden Tall Ships. Vor uns fährt die BOUNTY mit schlaff hängenden segeln und gibt dennoch ein prächtiges Bild ab. In unserem Kielwasser folgt die EUROPA. Hunderte Menschen säumen die Ufer, winken uns zu, rufen uns einen Willkommensgruß zu. Nach der letzten brücke öffnet sich der Ship Canal zur Sturgeon Bay und wir nehmen Fahrt auf. Noch 40 Meilen bis Green Bay (hatte ich schon Wisconsin gesagt?). Nebelschwaden ziehen über das Wasser und verschwinden mit höher steigender Sonne. Zwischen 15 und 16 Uhr sollen wir am "Leicht Memorial Park" an. Dazu später mehr.