Samstag, 17. Juli 2010

Ankern vor Detroit

Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch verbringen wir unmittelbar vor der Skyline von Detroit. Tagsüber sind wir den Detroit River entlang Richtung Norden gefahren. Wir haben einen Lotsen an Bord, der uns bei der Orientierung in diesem fremden Revier hilft. An unserer Steuerbordseite liegt Kanada und an Backbord die Vereinigten Staaten. Ein Unterschied machen dabei aus meiner Sicht nur die Flaggen vor den typisch amerikanischen Häusern entlang des Flussufers: kanadisches Ahorn hier und 'Star and stripes' hier. Nun kann ich sagen, mal in Kanada gewesen zu sein.
 
Ich habe zwei amerikanische Trainees in meiner Wache: Amy und Spencer. Beide sind jugendliche, junge Erwachsene. In der Wache 3 nehmen wir uns täglich 20 Minuten Zeit für eine kleine Feedbackrunde und erzählen von uns, wie es uns den Tag über gegangen ist, wie so das persönliche Wetter ist, was gut und was weniger gut gelaufen ist und was sich jede und jeder vom nächsten Tag erhofft. Dabei merkt Amy zu ihren Wünschen für die Nacht trocken an, dass sie lieber schnell verschwinden möchte, denn in Detroit geschehen 20 Prozent der Morde in den USA. Oooops. Wenige Minuten später umkreist uns ein Patrouillenboot der 'Police Detroit'. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das jetzt beruhigen kann.
 
Morgen setzen wir unsere Passage durch den St. Clair River Richtung Norden, also nach Bay City fort. Leider kommt der Wind einigermaßen von vorn, so dass wohl demnächst nicht mit größeren Segelmanövern zu rechnen sein wird.
 
Auf den Bildern gut zu erkennen ist übrigens die Konzernzentrale von General Motors (GM). Dort wird über das Schicksal der deutschen Traditionsmarke Opel und zehntausende Arbeitsplätze in Deutschland und Europa entschieden. Sieht genauso aus, wie im Fernsehen. Tolle Erkenntnis.

Dienstag, 13. Juli 2010

Nachlese

Cleveland liegt nun seit als 24 Stunden hinter mir. Zeit für eine Nachlese. Ich habe hierfür einige Bilder ausgewählt, zu denen es einiges zu erzählen gibt.
Police - proud to serve
Grundsätzlich gilt, dass Kontakte zur Polizei zu vermeiden sind. Mit anderen Worten: Macht keinen Blödsinn, dann gibt's auch keinen Ärger. Und doch standen auf einmal zwei Polizeiwagen mit vier schwerbewaffneten, sonnenbebrillten Officern vorm Schiff. Was war passiert? Die freundlichen Polizisten hatten schon vor einigen Tagen Kontakt zu einigen Besatzungsangehörigen der ROALD AMUNDSEN und boten sich diesen als Eskorte für den Weg zum nächsten Pub an. Und anschließend brachten sie unsere Leute auch wieder zurück zum Schiff. An dem Abend, an dem dies Foto entstanden ist, brachten die Officer noch zwei Kollegen mit, damit sie noch mehr von uns in das Herz von Clevelands Nachtszene transportieren können. Gesagt getan. Wenn ich richtig gezählt habe, haben mindestens zehn Roaldies das Angebot angenommen und sich flugs auf die Wagenn verteilt. Unnötig zu erwähnen, dass alle Beteiligten später im Szeneviertel mit allergrößtem Respekt behandelt wurden. "Proud to serve - thanks a lot Guys!".
Letzter Abend
Der letzte Abend in Cleveland war für mich auch der schönste. Alle Seeleute aller Traditionsschiffe waren vom örtlichen Segelclub zu einer abendlichen Crewparty eingeladen. Der Bootsservice übernahm den Transport. Auf dem Bild nur unschwer zu erkennen ist mittig unsere ROALD. Rechts von ihr eine weitere Lady mit dem wunderschönen Namen ROSEWAY. Und wie die Lady links im Bild heißt, weiß ich leider nicht. Und da ich grundsätzlich schüchtern bin, hab ich auch nicht nach ihrem Namen gefragt ...
Das Dreamteam
Das sind Friedo, Alina und Fabienne. Wir haben uns am Flughafen in Hamburg direkt vor dem Abflug kennengelernt und verstehen uns prächtig. Dieses wunderbare Foto ist übrigens auf der Crewparty entstanden. Wir mampfen Hotdogs und trinken Bier ... äh ... Friedo und ich trinken Bier, die Zwillinge Cola. Friedo war in den Sechzigern und Siebzigern Zeitoffizier bei der Marine und ist Schnellboot (!!!) im 3. Schnellbootgeschwader (!!!!!) in Flensburg gefahren. Zufall? Gibt's ja nicht, wie schon angemerkt. Tut gut, einen Kameraden dabei zu haben.
Crewparty Impression 1
Was soll uns dieses Bild sagen? Bei Sonnenuntergang sehen alle Segelclubs und Marinas der Welt gleich aus.
Crewparty Impression 2
Auch die Sonnenuntergänge gleichen sich irgendwie weltweit. Oder erkennt jemand an diesem Foto den Unterschied zwischen Ostsee und Great Lakes? Eben.
Crewparty Impression 3
Direkt am Flaggenmast für den Clubwimpel und die "stars and stripes" ein ... ja, was eigentlich. Gedenkstein? Mitnichten. Eine nationale Selbstverständlichkeit? Vielleicht. ich glaube ja insgeheim, dass kein Amerikaner je darüber nachgedacht hat, was dieser Stein eigentlich ist. Denn er ist hier selbstverständlich, alltäglich, allgegenwärtig und gehört dazu wie der Rettungsring weiter oben zum Hafen oder gut gekühltes Bier zu einer guten Party. Dank den Menschen, die dem Land dienen. Ein Modell für Deutschland? Vielleicht in 100 Jahren. Aber ein gutes Beispiel, denen Dankbarkeit zu zollen und zu zeigen, die sich für die Wohlfaht aller, die Freiheit und die Gerechtigkeit einsetzen. Und das, lieber Leserin und lieber Leser, sind nicht nur die, die einen offensichtlich dienenden Beruf ausüben, sondern auch diejenigen, die im Alltag für oder mit dem Mitmenschen arbeiten. Also: Einfach mal danke sagen im Alltag. Jederzeit, an jedem Ort und jedem Menschen.
The wonderful Claudia
Claudia ist unser Liaison-Officer und kümmert sich um uns und alle Fragen rund um unseren Aufenthalt in Cleveland. Claudia kommt aus Deutschland und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in den USA in der Nähe von Cleveland. Seit bestimmt zwei oder mehr Jahren setzt sie sich intensiv für das Gelingen unserer großen Reise ein. Sie organisiert, knüpft Verbindungen, bereitet vor, begleitet, hilft und unterstützt uns. Sie ist ein Roaldie. Wir sehen sie in Duluth wieder. Dort bringt sie ihren 16-Jährigen Sohn an Bord. Claudia ist ein echter Engel für uns alle. "Thanks a lot ... it's a great pleasure ... wonderful Claudia".
Helmpflicht - Was'n das?
Standardausrüstung amerikanischer Motorradfahrer. Helme sind was für Weicheier. 90% der von mir wahrgenommen Maschinen kommen übrigens aus der Harley-Davidson-Manufaktur in Milwaukee. Die harten Kerle kommen dagegen von überall her.
Abschied von Cleveland
Die Sonne geht unter. Landratten träumen jetzt vielleicht vom Land, welches hinter dem Horizont liegt. Wir Roaldies fahren morgen da hin und freuen uns auf die Passage des Detroit River und unsere Passage nach Bay City, Michigan.

Das ultimative Crewparty Video:


Auslaufen und Race

Ich fahre nun seit drei Jahren auf der ROALD mit, habe aber soetwas bisher nicht erlebt: 11 tall ships setzen Segel und verlassen fast gleichzeitig den Hafen. Was für ein Bild! Kurze Erläuterung zu den Fotos: Der Toppsgelschoner mit Bug links ist die PRIDE OF BALTIMORE. Der Dreimaster mit Bug rechts ist die HMS BOUNTY und ein weltbekannter Filmstar. Und das ablegende Schiff im Flaggenmeer mit Bug links ist die niederländische Bark EUROPA.
 
Der Wind steht günstig. Ich bin der Auslauf-Steuermann und darf uns hinaus auf die Seen bringen. Ein kurzer Blick zu Ulrich, unserem Kapitän, sagt mir alles. Der Alte will es. Er will, dass wir es wieder tun. Was? Ablegen und auslaufen unter Segeln. Also ohne jegliche Maschinen- oder Schlepperunterstützung.
 
Unser Lotse ist Daniel Mayers, ein freundlicher und seenerfahrener Amerikaner, der uns sicher nach Detroit bringen wird. Er sitzt auf der Brücke und staunt über die Aktionen auf der ROALD AMUNDSEN. Leinen einholen, Segel auspacken und setzen, zahlreiche Kommandos schallen übers Deck bis ins Rigg hinauf. "Klar zum setzen der Groß-Obermars! ... Spring bleibt fest! ... Hiev den Anker! ... Vortopp zwei Strich an Steuerbord anbrassen! ... Heiß Innenklüver! ... An die Backbord-Brassen, klar bei Steuerbord-Brassen!" Und langsam, ganz langsam schiebt sich die ROALD nur vom Wind angetrieben Richtung Hafenausfahrt. Die Besatzung arbeitet hart; an Oberdeck liegen unzählige Leinen. Nach einer Stunden passieren wir die Außenmole und haben jetzt freie Fahrt Richtung Detroit. Die noch fehlenden Segel fliegen hoch, die Brassen knarzen und das Ruder quietscht leise.
 
In 15 Minuten beginnt mein erstes 'tall ships race', also eine Regatta mit Traditionsschiffen. EUROPA und ROALD AMUNDSEN segeln in einer Klasse. EUROPA hat zwar vor uns Cleveland verlassen, muss aber eine große Schleife drehen, um die Startlinie korrekt zu überqueren. Wir liegen vorn, sind aber drei Minuten zu früh über die Linie gegangen. EUROPA dreht und folgt uns unter Vollzeug. Master and Commander. "Mr. Bush, lassen Sie die Stückpforten öffnen und die Kanonen ausrennen. Klar Schiff zum Gefecht! Veranlassen Sie das Notwendige" (Anmerk.: frei nach 'Hornblower' zitiert). Ganz großes Kino.
 
Um 17:00 dann das vorläufige Ende. Wir haben einen Kranken an Bord und überlegen, ihn zurück nach Cleveland zu bringen, da sein Zustand unappettitlich ist und sein Verbleiben an Bord die Nutzung der sanitären Einrichtung für uns Gesunde erheblich einschränkt. Wir halsen und gehen auf Gegenkurs. Kapitän Ulrich läßt das Schlauchboot klarmachen und bittet gleichzeitig die US Coast Guard um Unterstützung. Unter Deck beginnt die Desinfizierung der Nassräume, über Deck gespannte Stimmung, wie es weiter gehen wird. Dann eine Wunderheilung: Philipp, so heißt der Virus-Erkrankte, geht es wieder deutlich besser und er will unbedingt an Bord bleiben. Gleichzeitig sagt uns die Coast Guard ab, da sie momentan kein geeignetes Fahrzeug in Reichweite hat. Also: Kommando zurück und drehen. Der inzwischen davon gesegelten EUROPA hinterher! Um 18:30 Uhr sind wir wieder auf Kurs Detroit. Die EUROPA liegt drei Meilen vor uns in Führung. So segeln wir in die Nacht hinein.
 
Die Ziellinie liegt unmittelbar vor der Ansteuerung zur 'Pelee Passage'. Wir passieren sie morgens um 08:17 Uhr nach der EUROPA. Diese hat in den frühen Morgenstunden 'Gas gegeben' und ist uns Maschine davon gefahren. Wir segeln noch immer und ausschließlich. Erst nach Ende des Race bergen wir die Rahsegel, werfen 'Emma' an und laufen in die 'Pelee Passage' ein.
 
Wir fühlen uns als Sieger. Kapitän Ulrich nutzt das mittägliche 'all-hands', um die Crew über den Verlauf des Rennens zu informieren. Friedo hat mit seiner Familie in Hamburg telefoniert, die das Race im Internet verfolgt hat. Dort soll die ROALD AMUNDSEN schon offiziell als Siegerin gemeldet sein. Das entscheidet am Ende die Rennleitung. Wir werden sehen ...
 
 

Sonntag, 11. Juli 2010

"Fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn"

Anfang der siebziger Jahre schrieb eine deutsche Musikformation Geschichte und beeinflußte mit ihrer Art, Musik zu machen die Rockmusik nachhaltig. Sparsame, an Monotonie grenzende Synthesizer-Rhythmen kombiniert mit fast schon meditativem Gesang elektronisch veränderter Stimmen. Mit Laufzeiten von gern mal zehn und mehr Minuten waren die Songs auch nicht gerade chartkompatibel. Die Rede ist von Kraftwerk. "Autobahn" war der erste und zugleich größte Erfolg der deutschen Band. Der Song gehört zu den 500 wichtigsten und einflußreichsten Stücken der Rockgeschichte und hat daher seinen Platz im Rock and Roll Museum in Cleveland gefunden. Guckst du hier: (http://rockhall.com/).
 
Gestern habe ich mit staunenden Augen, offenen Ohren und pochendem Herzen die Hall of Fame der Rockmusik zu betreten. Mein Reiseführer empfahl mir zwar den Besuch, bereitete mich aber auch darauf vor, kaum oder keine europäischen Bands dort vertreten zu sehen. Bullshit. Sie sind alle da. Abba und Genesis sind zwar erst 2010 in die Hall of Fame aufgenommen worden, aber immerhin. Das Musueum ist großartig und geeignet, Fans des Rock'n Rolls dort einen ganzen Tag verbringen zu lassen, jedenfalls dann, wenn diese sich gern in einem gut gekühlten Kühlschrank aufhalten. Draußen 30 Grad, drinnen gefrostete 18, gefühlte null Grad.
 
Zu jedem der 500 einflußreichsten Rocksongs finden sich reichlich Zusatzinformationen. Man setzt sich einen Kopfhörer auf, pegelt die Lautstärke ein und ab geht's. Zu Kraftwerk ("in german power plant") und "Autobahn" lese ich, dass es sich um musikalisch umgesetzte Eindrücke vom Fahren auf der deutschen Autobahn ("national highway - no speed limit") handelt. Das Besondere aber ist, dass Kraftwerk eben nicht das volle Tempo ausreizen, sondern den Tempomaten einschalten und mit mittlerer Geschwindigkeit dahincruisen. American way of life eben. Wer die Möglichkeit hat, hört sich doch einfach mal wieder "Autobahn" von Kraftwerk an. Und zwar die ursprüngliche Langversion ...
 
Richtig emotional wurde es für mich dann etwas später. Nichts ahnend biege ich um die Ecke und stosse direkt auf Queen. Ich stehe nur eine Armlänge von Brian's Guitarre ("commercial version"), Roger's "News-of-the world-Bass-Drum", John's Bass und Freddie's Bühnenoutfit entfernt. Die Bassdrum kennen ich aus meinem ersten Queen-Konzert in den Siebzigern in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg. Da sind Henning und ich mit unserem Käfer hingefahren und haben so richtig abgerockt ... Diese Erinnerung und viele mehr waren auf einmal sehr präsent. Wie gesagt, es war recht emotional. Heute habe ich wieder etwas Zeit für mich und die nutze ich u.a. für einen zweiten Besuch in der Rock and Roll Hall of Fame. ich brauche aus dem Museumsshop noch ein T-Shirt, einen Schlüsselanhänger (mit Peace-Abzeichen) und die CD "A Night at the Opera" in einer Spezialausgabe mit DvD und reichlich zusätzlichen Informationen. Das ist genau das legendäre Werk, welches ich im Flieger über dem Atlantik im Bordcomputer gefunden habe. Keine Zufälle - es gibt keine Zufälle.
 
"Is this the real life? Is this just fantasy?" - ich höre jetzt auf und gehe frühstücken!
 
P.S.: Im Eingangsbereich der Hall of Fame hängen künstlerisch aufbereitete Trabbis. Daher das Trabbi-Foto.

Samstag, 10. Juli 2010

"Nice to meet you ... Dankeschön"

"Nice to meet you" und "How are you?" sind die am häufigsten gehörten Redewendungen in meinen ersten 48 Stunden an Bord der ROALD AMUNDSEN in Cleveland. Es ist anders, als ich erwartet habe und es ist überwältigend. Kaum eine Stunde an Bord, ich war von der Reise und der Hitze (knapp 40 Grad Celsius) völlig erschöpft, teilte mir Kapitän Uli mit, ich solle die Bordkasse mit diversen vierstelligen Beständen in Euro, Canadian-Dollars und US-Dollars übernehmen. Nun bin ich Mr Money an Bord, niemand beneidet mich um den Job und alle sind freundlich, jedenfalls wenn sie Geld wollen. "How are you?" Ehrlich? Ich bin platt. Wenig Schlaf, denn es ist sehr heiß unter Deck, und tagsüber einen full-time-job an Bord. Urlaub? Hatte ich vorher im Büro.
 
Unsere Personaldecke ist dünn ... sehr dünn. Mit Trainees sind zurzeit gerade mal 20 Personen an Bord, die sich die gesamte Arbeit, wie open ship, teilen müssen. So muss jeder von uns grundsätzlich alles mitmachen und ist quasi rund um die Uhr für Aufgaben eingeteilt. Gestern hatte dann die Kapitänin des US-Toppsegelschoners UNICORN ein Einsehen und lieh uns ihren Smutje für einen Tag aus. Und so lernte ich Nissa kennen. Sie fährt als Steuerfrau auf der UNICORN und bekocht 'nebenbei' deren ausschließlich aus jungen Frauen bestehenden Besatzung. Nissa übernahm sofort das Kommando über unsere Kombüse und bereitete Schweinebraten für das Mittagessen vor.
 
Mittlerweile spreche ich wieder halbwegs Englisch. Für smalltalk reicht es allemal und größere, sicherheitspolitische Vorträge wollte ich hier eigentlich nicht halten. Die Freundlichkeit und Höflichkeit der Amerikaner ist großartig. Ich finde sehr sympathisch, dass man hier grundsätzlich mit einer sehr positiven Grundeinstellung miteinander umgeht. In der Great-Lakes-Region leben zahlreiche deutschstämmige Bürger. Und so höre ich beim Abschied am Kiosk, an welchem wir während des open ship pins and t-shirts verkaufen, hin und wieder ein freundliches "dankeschön" verbunden mit dem stolzen Hinweis, deutsche Ahnen zu haben.
 
Nissa ist 25 Jahre jung und fährt dieses Jahr von März bis Oktober als Steuerfrau auf der UNICORN. Vor sieben Jahren, also mit 18, segelte sie ihren ersten Törn auf der ROALD AMUNDSEN. Damals sprach sie noch kein Wort deutsch. Heute spricht sie unsere Sprache fließend mit leicht amerikanischem Akzent. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, sagt sie nur "ich hab einfach so deutsch gelernt". Später studierte sie Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Tübingen und Hamburg und anschließend deutsche Literatur in den USA. Zwischendurch arbeitete sie als Köchin (ebenfalls learning by doing) in einem schweizer Hotel. Sehr amerikanisch irgendwie. Berufsziel? Steuerfrau und Kapitänin auf einer Fähre.
 
Freitagnachmittag stand ich mit Tobias aus Dresden von 13 bis 15 p.m. auf der Pier an unserem Kiosk und wir verkauften allerlei Erinnerungsstücke von der Roald. Dabei ergaben sich comedymäßige Situationen. Tobias versuchte, einer Familie irgendetwas zu erklären. Das funktionierte aber nicht und er bat mich um Unterstützung. Man muss wissen, dass Tobias erstens sehr schnell spricht und zweitens über einen ausgeprägten sächsischen Akzent verfügt. Mit anderen Worten, ich verstand ihn auch nicht. Vor uns also die staunende Familie und wir im aussichtslosen deutschen Dialog und der Frage, worum geht's eigentlich. Keine Chance. Ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen. Also fragte ich die Amerikaner und schnell wurde klar, dass es um die Überführung der ROALD von Europa zu den Great Lakes ging. Das konnte ich schnell erklären und trug mit dem Hinweis, dass ich Tobias auch nicht verstehe, selbst dann nicht, wenn er deutsch spricht, zur allgemeinen Erheiterung bei.
 
Wenn wir Montag Richtung Detroit und Bay City / Michigan ablegen werden wohl alle Nissa vermissen. Denn uns fehlt der Smutje. Also müssen die eingeteilten Bachschafter ran, um aus dem vorhandenen Material leckere Speisen zuzubereiten. Ich muss jetzt an einen guten Freund in Eckernförde denken. Helmut ist Seemann und Koch. Den Mann bräuchten hier jetzt! Obwohl, vielleicht haben wir Glück und Nissa unterstützt uns auch mal in Bay City und in Duluth.
 
Die beigefügten Bilder geben einen ersten unsortierten und unmittelbaren Eindruck vom Liegeplatz der ROALD im Port of Cleveland. Bemerkenswert finde ich den Imbißstand, an dem man "Bratwurst" bekommt. Sprache ist übrigens wunderbar zur heiteren Völkerverständigung geeignet. Zum Beispiel finden es Amerikaner sehr lustig, wenn ich ihnen erläutere, wie wir in Deutschland die "cell phones" nennen. Nämlich "Handy". Und wenn ich dann noch sage, dass es viele Leute bei uns gibt, die englische Begriffe cool finden und sie deshalb gern einfließen lassen, auch wenn sie nur Englisch klingen, kennt der Humor keine Grenzen mehr. Eine ähnlich Sprachfalle ergibt sich, wenn wir über unsere Törns auf den Seen erzählen, um vielleicht noch Trainees anzuheuern. "Our next Törn is from Cleveland to Bay City Michigan." (german-english). Blöd, das Törn zwar einen leicht englischen sound hat, aber in amerikanischen Ohren "turn", also abbiegen ankommt. Nun macht der Satz keinen Sinn mehr. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum sich so wenige Amerikaner bei uns einbuchen, denn wer möchte sich für viel Geld 'wenden', ' drehen' oder 'abbiegen' lassen. ich bevorzuge an dieser Stelle das Wort "trip" und hoffe, damit nicht in den Ruf eines Drogensüchtigen zu kommen. Eine Bescheidwisserin gab mir den Tip, es mal mit "voyage" zu versuchen. Mmmmh, da konnte ich einfach nicht drauf kommen, da mir Begriffe wie 'voyager' und voyager47', wie Eingeweihte wissen, völlig unbekannt sind.

Freitag, 9. Juli 2010

Passagier 11A

Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, wir sind noch nicht über Holland, jedenfalls kann ich von hier oben nichts 'orangiges' erkennen. Noch schweben wir also über Deutschland auf einer Luftverkehrsstrasse Richtung West. Später schwenkt das Flugzeug, eine B757-200, sicherlich auf einen Großkreis in Richtung Newark / New Jersey ein. Sollte der Pilot unbekannte blinkende Lichter außerhalb des Flugzeugs entdecken oder anderweitig navigatorische Fragen haben, nun, ich helfe gern ...
 
Das Einchecken in Fuhlsbüttel verlief unkomplizierter als erwartet, aber auch unangenehmer, als gedacht. Gleich am sogenannten 'Kiosk' erwartete mich ein freundlicher Mitarbeiter von Continental und stellte mir sicherlich sinnvolle, aber im ersten Moment doch leicht irritierende Fragen. "Wann haben Sie Ihr Gepäck gepackt? Hat Ihnen jemand dabei geholfen? Wohin fliegen Sie und warum? Fünfeinhalb Wochen sind lang für einen Urlaub. Wo verbringen Sie die erste Nacht? Haben Sie ein Feuerzeug im Gepäck? ..." Ich kam kaum mit den Antworten nach und fühlte mich irgendwie ertappt, obwohl ja eigentlich nichts war bzw ist. Da ich mich Mittwoch noch via Internet eingecheckt hatte, durfte ich nach der 'peinlichen Befragung' zum "Elite"-Schalter. Und dann weiter zur Sicherheitskontrolle.
 
Anke vom Schiffsbüro sagte mir am Vortag noch, dass ich möglicherweise Friedo mit zwei Enkelinnen am Flughafen treffen würde. Und siehe da, direkt vor mir drei Menschen mit ROALD AMUNDSEN-Pullovern. Friedo fährt als Toppsi, also Toppsgast. Seine Enkelinnen als Deckshandsanwärterinnen. Nun sitzen wir im gleichen Flieger nach Newark und steigen nachher gemeinsam um nach Cleveland. Das wird interessant, da wir vor dem Umsteigen durch den Zoll und die Einwanderung müssen. Friedo hat ROALD Stofftaschen ("Die gehen in USA wie verrückt", sagt Anke) dabei und die gelten als Handelsware sind also theoretisch irgendwie anmeldungspflichtig oder so. Und ich Depp hab heute morgen noch schnell und ziemlich gedankenlos eine Tüte HARIBO Gummibärchen in meine Reisetasche geworfen und dann bei der Zollerklärung bei der Frage, ob ich Lebensmittel einführe, locker ein Nein angekreuzt. Nun, die vom Zoll wollen ja auch was zu tun haben ...
 
Die Sicherheitskontrollen für USA-Flüge sind doch etwas intensiver als für einen Flug im Touri-Bomber nach Malle. Ich mußte in einen extra Raum und wurde extra gefilzt. Gutes Gefühl, das die Leute am Flughafen aufmerksam und sorgfältig arbeiten. Netbook, Kamera, USB-Stick, diverse Verbindungs- und Ladekabel wurden auf versteckten Sprengstoff durchsucht. Glücklicherweise hatte ich heute mal kein c4 dabei. Dann durfte ich wieder einpacken und wurde mit dem gut Rat "Lassen Sie Ihr Handgepäck nicht unbaufsichtigt!" freundlich entlassen. Also weiter zum Gate A19.
 
15 Zentimeter links von mir sind jetzt minus 48 Grad Celsius. Gut zehn Kilomter unter mir liegt Wales. Sagt jedenfalls der Bordcomputer. Ich teile mir eine Dreier-Reihe mit mit einer höchst charmanten Passagierin. Sie heißt Emma, hat blonde Haare, ist eher schüchtern (hab sie aber gerade mit HARIBO Colorado zu einem Lächeln verleitet) und vielleicht 9 oder 10 Jahre alt. Wir haben beide Stöpsel im Ohr. Sie schaut sich einen Zeichentrickfilm an und ich bediene mich gerade akustisch am Entertainment Computer und höre Musik. Echt coole Auswahl z.B. unter der Rubrik "Rock": Jetzt läuft "Dark side of the moon" von Pink Floyd und nachher höre ich vielleicht noch "A night at the opera" von ... na, von wem schon ... von Queen. Hinter mir sitzt eine junge Mutter (könnte eigentlich auch die Nanny sein) mit zwei jungen Jungs. Beide noch im Kindergartenalter und reichlich rebellisch. Spitz erschallt "Stop it" hinter mir und einer der zwei Nasen ist tatsächlich mal ruhig; jedenfalls für die nächsten Sekunden. Vielleicht unterstütze ich die Nanny (hab mich jetzt festgelegt) später mal bei der Bändigung der Energiebündel und bringe denen ein paar deutsche Erziehungskommandos bei. Die Höflichkeit gebietet es, hier nicht näher darauf einzugehen ...
 
Friedo hat für die Einreisegenehmigung den Liegeplatz des Schiffes (Dock 30, 1st position) und damit keine reguläre Anschrift angegeben. Man braucht aber eine Adresse. So eine echte, richtige Adresse. Nun wird er in regelmäßigen Abständen aufgerufen, um die Sitruation zu klären. Ich gebe ihm die Anschrift der Port Authority des Port of Cleveland. Die hab ich auch genommen und jedenfalls mit diesem Thema (noch) keine Probleme. Okay, sie haben ja auch meine Goldbären noch nicht entdeckt ...
 
Das Mittagessen kommt. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es jetzt in Hamburg 10:30 ist, damit steht die Uhr in Newark auf 04:30 a.m. Mittagessen? Frühstück hätte auch gereicht: Mal sehen, was es gegen mittag gibt. Übrigens war echtes Besteck dabei. Messer, Gabel und Teelöffel. Mir gehen so Fragen durch den Kopf, ob man damit nicht mal checken könnte, wie aufmerksam der Sky-Marshall ist, entscheide mich dann aber doch, freidlich auf meinem Platz zu bleiben. Aus dem Kopfhörer erklingt gerade "Death on two legs". Gut Entscheidung von mir.
 
Vor mir sitzt eine leicht zu Hysterie und Kraftausdrücken neigende ungefragt mitteilsame Deutsche. Schon am Gate fiel sie mir durch leicht pöbelige Äußerungen auf. Gerade hat sie ihre Sitzlehne mit Wucht in die maximale Position nach hinten geknallt. Und noch mehrfach nachgeruckelt, ob das denn wirklich schon die Endstellung ist. Damit ist mein Raum auf die Größe eines Käfigs für Zwergpapgeien geschrumpft. Glück ist jedoch, dass ich meine Lesebrille dabei habe, denn mit der kann ich, durch den Mikrobereich blickend, weiterhin die Informationen auf dem Display vor mir entziffern.
 
"You're my best friend" ... to whom it may concern.
 

Dienstag, 6. Juli 2010

Kurz vor der Abreise

Kürzlich wurde ich gefragt, ob mich denn schon das Reisefieber gepackt hat. Bis zum Zeitpunkt der Frage nicht, aber seit dem steigt die Fieberkurve täglich. Hab ich an alles gedacht? Wann fliege ich nochmal; Donnerstag oder Freitag? Fehlt noch etwas an Ausrüstung, Toilettenartikel, Lesestoff, Hörbücher, etc. Wenn nein: warum nicht? Wenn ja: dann wirds aber Zeit! Schnell den Törnplan gecheckt ... huch ... wir besuchen noch Sault St. Marie. Zwei mal touch-and-go, um abgefahrene Crew zu tauschen. Nachts wache ich auf und dann gehen mir merkwürdige englische Begriffe und Formulierungen durch den Kopf. Irgendwie hab ich den Eindruck; meine Software bekommt ein update und rebootet.

Englisch? Moment, da war doch was. Wo ist eigentlich mein kleines Langenscheidt-Wörterbuch im handlichen Hosentaschenformat? Ich sitze im Büro, Schweiß rinnt über meine Stirn. Schublade? Fehlanzeige! Bücherschrank! Auch nicht. Panik steigt in mir auf. Im Spind vielleicht? Jaaa ... da ist es ... nein ... da liegt nur mein Französisch-Wörterbuch. Ein Notfall! Und was macht der souveräne Marineoffizier in ausweglosen
Situationen? Richtig, er ruft seine Frau an. "Hallo Schatz ... keine Zeit ... Englisch-Wörterbuch ... Wo? ... Nicht bei meinen vorbereiteten Sachen auf dem Wohnzimmertisch? ... Vielleicht in der Sauna (?!?)? ... Ahhh ... im Schlafzimmer auf dem Boden direkt neben meinem Bett ... danke ... bis nachher."

Zur Zahl "47" habe ich mich an dieser Stelle schon geäußert. Gestern rief ich im Schiffsbüro an, um Reisedaten und weitere Informationen abzugleichen. Interessant sind beispielsweise so Dinge wie: Wo liegt eigentlich die Roald in Cleveland? Habt ihr eine Telefonnummer? Die Antwort kam schnell: Dock 30, Position 1, farthest west. Für Googler: An der nördlichen Pierseite unmittelbar am 'Clevelands Brown Stadium'. Dort ist ein Schuppen und um die Ecke das 'Steamship William G. Mather'. Und nach ca. 300m Weg findet sich das 'Great-Lakes-Science-Center' sowie die 'Rock'n Roll Hall of Fame'. Die nächste Strassenbahnhaltestelle (übersetz das mal ins Englische! Wie wär's mit 'street train station'? 'Tram stop' sagt mein Wörterbuch.) heisst 'W 3rd' Street und hat im Netzplan der RTS Cleveland die Nummer 47. Tja, es gibt einfach keine Zufälle.

Es ist heiß draußen. Du quälst dich zu Fuss durch die Stadt. Der Asphalt wabert; die Socken qualmen. Der Schweiß rinnt dir durch alle Poren und Furchen deines Körpers. Du bist genervt, willst nach Hause und etwas Kühles trinken. Die erste Fata Morgana steigt vor deinem geistigen Auge aus der erbarmungslosen Glut auf. Genau in diesem Moment tritts du in ein achtlos hingespucktes Kaugummi der Marke 'Super-Bubbel' oder wahlweise in frische, erst leicht oberflächlich angetrocknete Hundesch..... in der fröhlichen Frolic-Farbe rot-braun. Es klebt an deinen Schuhen und du wirst es nicht wieder los. So ungefähr fühle ich mich heute. Ich bin genervt, habe Fluchtfantasien und der Uhrzeiger braucht für eine Stunde soviel Zeit, wie sonst für einen ganzen Tag. Alles ist zäh, nichts fließt. "Fahr doch einfach nach Hause", flüstert mir eine mir wohlbekannte, innere Stimme zu. Die höre ich immer dann, wenn Verlockung und Versuchung überall da ist, wo ich gerade nicht bin.

Es wird Zeit, dass es endlich losgeht! Die fünfeinhalb Wochen Pause tun mir bestimmt gut. Abstand zum Dienst. Durchlüftung von Herz und Verstand. Danach ... ach, daran will ich jetzt garnicht denken. Hier und heute zählt. Und das von Tag zu Tag. Das schönste an der Seefahrt ist die Freude auf die Heimat. Dabei fange ich jetzt schon an, meine Liebste und meine Kinder zu vermissen ... ein tolles Gefühl; besonders, wenn man die Alternative bedenkt.