Montag, 1. Februar 2010

John Maynard von Theodor Fontane


John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn.
John Maynard."

"John Maynard? Auswendig lernen? Nee, kein Bock auf Theodor Fontane!" dachte ich Mitte der Siebziger im Deutschunterricht. Was hab ich mit John Maynard, Buffalo und dem Eriesee zu tun? Aber dann hat mich doch interessiert, wo dieser Eriesee liegt. Google-Map hiess damals noch Diercke-Weltatlas; war dunkelbraun mit goldenen Lettern und hatte einen wertigen Umschlag; Halbleinen. Westermann Verlag. Und dann hatte ich sie gefunden; die Karte mit den "Great Lakes" und dem Eriesee. Dazu Kopfkino: Ein Dampfer, von mächtigen Schaufelrädern angetrieben, brennend; dicke, vom Wind verwirbelte, schwarz-graue Rauchschleier hinter sich her ziehend; verzweifelte Menschen an Oberdeck; Panik und Chaos. Nur einer steht auf der Brücke und hält unbeirrt Kurs auf's Ufer. Heroisch irgendwie, allerdings habe ich mich schon damals gefragt, warum Steuermann Maynard das Ruder nicht einfach blockiert oder fest gebunden und sich gerettet hat. Nun, vielleicht wäre Theodor Fontane sonst nicht auf das Thema aufmerksam geworden und ich hätte ein anderes Gedicht auswendig lernen müssen. Also: Gut gemacht, John Maynard. - Ich muss zugeben, es war das einzige Gedicht in meiner Schulzeit, dass ich wirklich gelernt habe ...


Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere, mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Manyard heran
Tritt alles; "Wie weit nocht, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie ein Schrei,
"Feuer" war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten is Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? Wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" - "Ja, Herr. Ich bin."
"Auf den Strand. In die Brandung." - "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus. Hallo."
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's."
Und in die Brandung, was Klippe was Stein,
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: Der Strand von Buffalo.
Das Schiff geborsten. Das Feuer schwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr
Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand,
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

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